Kein Kita-Platz – Was nun?

Für das ab dem 1. August beginnende Kindergartenjahr fehlen im Stadtgebiet nach jetzigem Stand mehr als 80 Plätze für Unter-Dreijährige (U3). Das SCHAUFENSTER hat betroffene Eltern befragt. Sie sprachen von gravierenden Konsequenzen für ihr Privat- und Berufsleben, falls ihr Schützling im Sommer keinen Betreuungsplatz erhält. Dies gilt vor allen Dingen für alleinerziehende Personen und berufstätige Elternpaare. Auch am Kita-Navigator wurde Kritik laut.
In diesem Jahr hat Susanne L.* ihren zweijährigen Sohn zum ersten Mal für einen Platz in einer Kindertagesstätte (Kita) angemeldet und prompt einen Ablehnungsbescheid erhalten. „Nur, weil ich eine dringende Anfrage gestellt habe, wurde mir dann ein Platz in Gohr angeboten. Das bringt mir nun wirklich gar nichts“, sagt die alleinerziehende Mutter, die in der Innenstadt wohnt. Ab 8.30 Uhr muss sie bei ihrer Arbeit in Neuss-Derikum sein. Ihren anderen siebenjährigen Sohn kann sie erst um 8 Uhr zur Schule bringen. „Das ist zeitlich für mich nicht machbar, mal abgesehen von den Spritkosten. Außerdem frage ich mich, wie sinnvoll es sein soll, wenn mein Sohn in Gohr Kontakte zu anderen Kindern knüpft, wenn wir doch in der Innenstadt wohnen“, so die Mutter. Als die Redaktion mit Susanne L. Kontakt aufgenommen hatte, gab es doch noch eine positive Nachricht für sie: Ihrem Sohn wurde ein wohnortnäherer Kita-Platz ab August zugesichert. Dennoch fordert sie eine grundlegende Änderung, denn viele Eltern könnten es sich nicht leisten, so lange zu Hause zu bleiben, um ihr Kind selbst zu betreuen.
Besonders hart trifft es auch die alleinerziehende Sarah D.*, die mit ihrer anderthalb Jahre alten Tochter ebenfalls in der City wohnt. Mit dem fehlenden Betreuungsplatz lebt sie am Existenzminimum. Sofort nach der Geburt ihrer Tochter hatte Sarah D. sie im Kita-Navigator der Stadt eingetragen. Gerne hätte sie ihre Kleine ab einem Alter von zwei Jahren betreut gewusst, denn die Mutter hatte bei ihrem Job nur eine Babypause eingelegt. Dass die Firma, bei der sie angestellt war, insolvent gehen würde und sie nach der Elternzeit Arbeitslosengeld beziehen muss, hätte sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht träumen lassen. Hinzu kommt, dass ihre Lebenshaltungskosten trotz der Unterhaltszahlungen des Vaters nicht abgedeckt sind. „Jetzt leben wir am Existenzminimum und ich würde gerne etwas dazuverdienen, um unser Geld aufzustocken. Dazu habe ich jetzt einfach keine Chance“, meint die Mutter.  Sie kritisiert, dass manche Familien bevorzugt werden, weil ein Geschwisterkind schon in der entsprechenden Kita betreut wird, obwohl viele von den Eltern arbeitslos seien und genügend Zeit hätten, ihr Kind selbst zu betreuen.
Der zweijährige Nicolas Möll aus Stürzelberg wächst durch seine Mutter Phonphimon, die thailändische Wurzeln hat und noch nicht perfekt Deutsch spricht, und seinen deutschen Vater Frank mehrsprachig auf. Vornehmlich aus diesem Grund war es seinen Eltern wichtig, dass er schon vor seinem dritten Geburtstag in der Kita mit Deutsch sprechenden Kindern in Kontakt kommt. Doch auch sie haben einen Ablehnungsbescheid erhalten. „Viele auswertige Kinder besuchen die Stürzelberger Kindertagesstätten, da verstehe ich nicht, wieso Anwohner keinen Platz bekommen“, so der Vater. In absehbarer Zeit wird durch den fehlenden Betreuungsplatz ein weiteres Problem auf die Familie zukommen, denn sobald Phonphimon einen Arbeitsplatz gefunden hat, sind beide Elternteile berufstätig. Dann wird ihnen die nötige Zeit fehlen, um ihren Sohn ganztägig betreuen zu können.
Auch Pierre R.* aus Delrath hat für seine anderthalbjährige Tochter keinen Betreuungsplatz erhalten und kritisiert die „vermeintlich gute Organisation“ über den Kita-Navigator. „So wie ich es sehe, gibt es für Eltern nur die Erleichterung, die Anmeldung nicht bei den einzelnen Kitas einreichen zu müssen. Wofür wurde der Kita-Navigator überhaupt eingerichtet, wenn trotzdem erst nach dem Verschicken der Zu- und Absagen erkannt wird, dass eine erhebliche Anzahl an Plätzen fehlt“, so der Vater verärgert. Den betroffenen Eltern bleibt jetzt nur noch die Hoffnung, dass andere Eltern von mehreren Kitas positive Bescheide erhalten haben und deshalb im Nachhinein noch Plätze frei werden. Zudem plant die Stadt in Horrem, der Innenstadt, Delhoven, Hackenbroich, Gohr, Nievenheim und Zons insgesamt 90 neue Plätze für U3-Kinder zu schaffen. Ob sie dieses Ziel wirklich bis zum 1. August realisieren kann, bleibt abzuwarten. *Name von der Redaktion geändert/abgekürzt. -Joelle von Hagen

Auch die Tochter der alleinerziehenden Sarah D. braucht dringend einen Betreuungsplatz. Foto: privat