Der Rhein im Winter

Morgen an Heilig Abend wird es laut Wettervorhersage wieder warm. Zehn Grad sollen tagsüber drin sein. Das war nicht immer so. Früher gab es oft Schnee zur besinnlichsten Zeit des Jahres. Dann gab es Kinderlachen, Schlittenfahren, Atemwölkchen, frostige Hände und Füße, kurz: Schnee und Kälte gehörten zum Winter. Etwas, wovon die Kinder von heute träumen. Eduard Breimann, eifriger Sammler alter Bilder und Historiker, nimmt in „Der Rhein im Winter“ unsere Leser noch einmal mit zurück in eine frostige Vergangenheit, die nicht immer nur schön war.
Eis auf dem Rhein, das gab es in nahezu jedem Winter; mal dünner, mal dicker. Mal trug es Menschen, die zu Fuß oder mit der Kutsche gar, von einem Ufer zum anderen wechselten, mal waren es nur dünne Schollen. Der Anblick einer Eisdecke auf dem Rhein war an sich nicht ungewöhnlich; in früheren Jahrhunderten fror der Rhein in strengen Wintern regelmäßig zu; und in besonders kalten Wintern konnten die Menschen sogar über den Rhein gehen. Sogar mit Pferdegespannen fuhren die Menschen auf das jenseitige Ufer. Die Bewohner der Dörfer schlugen sich Wege durch das Schollengewirr und fuhren dann mit Wagen über das Eis, das durchaus eine Dicke von mehr als einem Meter haben konnte. Kinder spielten auf den Eisblöcken und an Sonntagen wurde der obligatorische Spaziergang kurzerhand auf den Rhein verlegt. Immer wieder wagten sich sogar Händler aufs Eis, zogen mit ihrem Stand, der auf Kufen gesetzt wurde, aufs Eis. Dann gab es dort für die spielenden und tobenden Kinder, und für die Spaziergänger, Würstchen zu kaufen. .
Wenn im Frühjahr aber das Tauwetter einsetzte und das Wasser die Eisdecke hoch drückte, kam es zu einem explosionsartigen Aufbrechen des Eises. Die Schollen wurden regelrecht an Land geworfen. Dort türmten sie sich meterhoch auf. Dadurch entstanden regelrechte Staumauern und das nachdrängende Wasser konnte nicht ablaufen. Die kleinen Sommer- und Flügeldeiche, wenn es solche denn schon gab, waren schnell überflutet oder beiseite geschoben. Meterdicke Eisplattentürme schob der Rhein nämlich über die Dämme und Deiche, drückte sie mit seinen Fluten in das offene Land. Das Eis riss alle festen Gegenstände um und weg; Bäume wurden einfach umgelegt, Häuser und Bauten platt gedrückt. Wie Rammböcke stießen die Eismassen gegen das Fährhaus Piwipp und die Höfe in Rheinfeld und Zons, getrieben und gestoßen von den vorwärtsstürmenden Wasserfluten. Die leichten Hauswände der damaligen Zeit wurden oft genug im ersten oder zweiten Anlauf genommen. Holzbalken und andere Stützen der Häuser brachen wie Streichhölzer weg. Nur biegsame Widerstände, wie Weidengestrüpp, richteten sich wieder auf. Feste Bäume hingegen, wie etwa Obstbäume, Erlen und Pappeln, knickten wie Streichhölzer. Jetzt war jeder Mann gefordert bei der Verstärkung des Dammes oder beim Retten der Alten, Kranken, Frauen, Kinder – und bei der Sicherung der wertvollen Tiere zu helfen, denn der Rhein wuchs mit einer unheimlichen Geschwindigkeit.
Die Zeiten, als der Rhein bei Köln und Dormagen zugefroren war, sind nun lange vorbei. Früher hatte der Winter den Fluss oft über Wochen fest im Griff, mit Dauertemperaturen um Minus 20 Grad und mehr. Im Winter 1962/63 herrschte zuletzt wochenlang klirrende Kälte, so dass der Rhein zwischen Köln stellenweise eine geschlossene Eisdecke bildete. Seither wurden keine Eisschollen mehr gesichtet. -Eduard Breimann

SCHAUFENSTER-Artikel vom 23. Dezember 2017